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Rainer Vogt, Wermatswilerstr.16, CH-8320 Fehraltorf,
raivogt@access.unizh.ch

Während eines durchschnittlichen Hundelebens schlägt das Herz ununterbrochen etwa 315.360.000 mal. Mit jedem Schlag befördert das Herz ungefähr 14 ml Blut (in Ruhe), das ergibt eine Förderleistung von ungefähr 1,45 l pro Minute bei durchschnittlicher Herzfrequenz von 100 Schlägen pro Minute. Jedesmal, wenn das Herz diese Blutmenge auspreßt, entsteht eine Welle, die wir als Puls in der Peripherie fühlen können. Die Herzaktivität kann nun aber nicht nur anhand des Pulses festgestellt werden. Damit überhaupt die zum Bluttransport nötige Kontraktion des Herzens zu Stande kommt, müssen die Herzmuskeln erst elektrisch angesteuert werden. Diese elektrischen Signale pflanzen sich auch fort und können als Spannungsschwankungen an der Körperoberfläche gemessen werden. Mittels dieser Technik kann man nun die Herzfrequenz eines Hundes zum Beispiel während des Schlafes, während dem Spielen oder Arbeiten aufzeichnen. Was bei solchen Messungen beim Hund herauskam, möchte ich im folgenden zeigen. Diese Beispiele verdeutlichen die ungeheure Leistungsfähigkeit des Hundeherzens, und versetzen mich einmal mehr ins Staunen über das Marathonherz des Hundes.
Der Organismus des Hundes braucht Nährstoffe und Sauerstoff. Gleichzeitig ist er darauf angewiesen, daß die Abfallprodukte fortlaufend abtransportiert werden. Die Transportfunktion übernimmt das Blut und das Herz ist die Pumpe für diesen Kreislauf. Je nach Situation ist der Bedarf von Blut in den einzelnen Organen verschieden und dementsprechend muß das Herz mehr oder weniger arbeiten. Wie viel mal pro Minute und wie kräftig das Herz nun schlagen muß, wird durch eine komplizierte Regulation gesteuert. Dies zeigt nur schon das Beispiel, daß die bloße Vorstellung von Arbeitsverrichtung, die Herzfrequenz beim Menschen ansteigen läßt. Beim Hund können wir solche Phänomene ebenfalls beobachten. Nun aber zuerst, wieviel mal schlägt das Herz denn nun beim Hund pro Minute?
Eine sehr unzulängliche stark verallgemeinerte Antwort darauf lautet: zwischen 60 und 120 mal in Ruhe. Um diese Frage korrekt beantworten zu können, müssen wir sie etwas mehr präzisieren. Denn die Herzfrequenz (HF) variiert zum Beispiel sehr stark mit der Körpergröße: Große Tiere haben in der Regel eine niedrigere Frequenz als kleine. (Kleinere Tiere haben aufgrund ihrer verhältnismäßig größeren Körperoberfläche zur Masse, einen größeren Wärmeverlust, was einen höheren Stoffwechselumsatz und somit eine höhere Herzfrequenz bedeutet.) Wenn wir die Herzfrequenz unseres Hundes überprüfen möchten, ob sie zum Beispiel im Normalbereich ist, müssen wir also unbedingt die Größe des Hundes berücksichtigen, dazu spielt aber auch noch das Alter, der Gemütszustand, seine körperliche Kondition, Rasse und Geschlecht eine Rolle. Einen Versuch die Normalwertbereiche der Herzfrequenz beim Hund anzugeben, stellt die Tabelle 1 dar.

Jungtiere

bis 180

Kleine Rassen

bis 180

erwachsene Tiere

bis 160

Mittlere Rassen

120 - 140

 

 

Große Rassen

080 - 120

Die großen Unterschiede der Herzfrequenzen sind nicht nur phänotypisch bestimmt, sondern im Wesentlichen, wie bereits erwähnt, auch von der körperlichen Kondition abhängig. Inwiefern die humanmedizinischen Erkenntnisse auch beim Hund gelten, wissen wir noch nicht in allen Fällen. Zum Beispiel verkürzt sich die Erholungszeit nach einem Training und die Ruheherzfrequenz einer Person sinkt teilweise etwas. Der letztere Punkt konnte in einer Studie mit 6 Hunden, die ein mehrwöchiges Trainingsprogramm absolvierten, nachgewiesen werden. Ihre Ruhefrequenz sank von durchschnittlich 64 bpm auf 51 bpm nach der Trainingsphase. Empirisch kennt man dieses Phänomen auch bei den Schlittenhunden, wo die Erholungszeiten der Herzfrequenz auf Normalwerte nach einer Anstrengungen mit fortschreitendem Training abnehmen. Einige Musher (Schlittenhundefahrer) benutzen diesen Indikator als Entscheidungshilfe, ob sie eine Trainingsintensität höher gehen sollen oder nicht. Schon in den 60er Jahren hat man Herzfrequenzstudien an Schlittenhunden durchgeführt. Dabei stellte man fest, daß vor dem Rennen gerade vor dem Start Herzfrequenzen von durchschnittlich 150 Schlägen pro Minute gemessen werden, während des Rennens kurz nach dem Start schon bald bis zu 300 Schläge pro Minute, die dann konstant auf diesem Niveau während dem ganzen Rennen bleiben. Hat das Team im Ziel gestoppt, fällt die Herzfrequenz innert einer Minute auf rund die Hälfte. Dann erholt sich der Hund aber etwas langsamer, doch innert einer halben Stunde ist der Puls normal. Dieses Verhalten der Herzfrequenz bei Schlittenhunden konnte ich auch feststellen und zumindest bei meiner Huskyhündin mit einer Herzfrequenzaufzeichnung belegen (siehe Abb. 1).

Abb-1: Herzfrequenz (HF) eines Schlittenhundes bei steigender Geschwindigkeit (V) aufgezeichnet, auffallend ist der sofortige Anstieg in den Bereich von 280-300 und der rapide Herzfrequenzabfall nach dem Stoppen.

Beeindruckt hat mich bei allen Messungen mit Hunden auf dem Laufband oder beim Velofahren, die ungeheuer kurze Zeit, in welcher nach dem Stoppen die Herzfrequenz auf die erste Stufe (oft 100 Schläge pro Minute) hinunterfällt. Bei dem Beispiel in Abb. 1 verringert sich die Herzfrequenz innerhalb von 13 Sekunden von 290 auf 190 Schläge pro Minute. Es bestehen bei den 100er-Erholungszeiten Unterschiede zwischen Hunden verschiedener Rassen und es kommt auch darauf an, in welcher Intensität sie sich anstrengen mußten: je nach dem erfolgt ein rapiderer Herzfrequenzabfall oder ein flacher ausfallender Kurvenverlauf. Hier einige Beispiele verschiedener 100er-Erholungszeiten: Border Collie nach einem Agilitylauf innert 9 Sekunden, Lawinenhund nach einer Laufbandmessung innert 30 Sekunden und ein Haushund (Mischling) auch nach einer Laufbandmessung innert 50 Sekunden. Übrigens: Diese 100er-Erholungszeit ist wissenschaftlich noch nicht untersucht und eine Erfindung von mir. Ich möchte damit versuchen die speziellen Charakteristik des Herzfrequenzkurvenverlaufes beim Hund zu beschreiben. Normalerweise würde man in der Trainingslehre oder Physiologie eher die Zeit angeben, in der die Herzfrequenz wieder auf Normalwerte zurücksinkt oder man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Erholungspulssumme.
1996 hat man Herzfrequenz-Untersuchungen bei Hunden, die das Iditarod bzw. ein Sprintrennen in Michigan gelaufen sind, durchgeführt. Dabei wurden Unterschiede zwischen Langdistanzen und Sprintrennen festgestellt: Bei Sprint haben die Hunde nach einer bestimmten Zeit nach dem Zieleinlauf tendenziell noch eine höhere Herzfrequenz als Hunde, die ein Langdistanzenrennen gelaufen sind. Dies hat meiner Meinung nach wahrscheinlich etwas mit dem bereits erwähnten Faktor der unterschiedlichen Intensitäten und den dadurch bedingten Verlauf der Erholungsherzfrequenz zu tun.

In welchem Intensitätenbereich bewegt sich ein Border Collie, wenn er in typisch rasendem Tempo einen Agility-Parcour absolviert?

Das hat mich nach den Schlittenhundeerfahrungen brennend interessiert. Gibt es auch einen 300er-Arbeitsbereich und abrupte Erholung in Pausensequenzen oder finden wir wie bei Springpferden bei jedem Hindernis einen Herzfrequenzanstieg und -abfall?

Abb-2: Die Herzfrequenz eines Border Collies während eines Agility-Übungslaufes.

Der Herzfrequenzenverlauf in Abb.2 zeigt einige interessante Gegebenheiten. So zum Beispiel, daß die Herzfrequenz beim Durchgang des Slaloms von 190 bis auf 250 Schläge pro Minute ansteigt (Ziffer A). Oder daß die Herzfrequenz während dem liegenden Warten auf dem Tisch zwischen Ziffer B und C auf Ruhefrequenz (70 Schläge pro Minute) abnimmt, aber bei einem Bleib-Steh auf dem Tisch (Ziffer D) die Herzfrequenz im hohen Bereich (270 Schläge pro Minute) bleibt. Die kleinen Pfeile bedeuten jeweils einen Hürdensprung, teilweise kann eine kleine Herzfrequenzenspitze mit einem Hürdensprung assoziiert werden. Beim markanten Gipfel bei der Ziffer E wurde der Hund für seine Arbeit gelobt, ab Ziffer F liegt er und erholt sich in seiner wohl verdienten Verschnaufpause. Ich finde es beeindruckend, wie flexibel die Hunde bei diesem äußerst schnellen Hundesport, die Herzfrequenz der Leistung anpassen können und wie schnell sie sich wieder erholen können. Die hohe durchschnittliche Herzfrequenz (hier 170 Schläge pro Minute) verdeutlicht meiner Meinung nach auch die sehr hohe Intensität dieser Hundesportart. Ich wage zu behaupten, daß eine 30min-Agility-Session, vermutlich einem eineinhalbstündigen Fußmarsch entspricht. Das Herz würde beim Marschieren ungefähr halb so vielmal schlagen. Der sportartspezifischen Belastungsfaktor (Das ist ein Faktor, der in der Trainingslehre gebraucht wird, um verschiedene Trainingseinheiten unterschiedlicher Sportarten miteinander vergleichen zu können) für Agility dürfte gegenüber bloßem Laufen deutlich höher sein, da wendige Bewegungen sämtliche Muskelgruppen beanspruchen und dieser Hundesport hohe Konzentration erfordert. Die obige Vermutung entstand nun aus der Berücksichtigung eines solchen Belastungsfaktors, der durchschnittlichen Herzfrequenz (der Belastungssintensität) und der Zeitdauer. Jedoch handelt es sich im Grunde nur um reine Spekulation und bedarf sicher noch einer genaueren Untersuchung.
Nun noch einmal zurück zum Schlittenhund: Beobachtungen von Geschwindigkeit und dazugehörender Herzfrequenz zeigen zum Teil größere Abweichungen. Ich gehe von der Überlegung aus, daß eine höhere Eigenbewegung mit einer höheren Herzfrequenz zusammenhängt. Unterschiede in dieser Proportionalität kommen durch psychologische Faktoren (Hund sieht Wild...) oder durch abwechselnd starke Zugarbeit zu Stande. Die Intensität der Arbeit des Schlittenhundes hängt also von der Geschwindigkeit, d.h. von der aufgewendeten Arbeit für seine Eigenbewegung und der geleisteten Arbeit ab.
Diese Beziehung habe ich versucht in einer Messung (Abb. 3) darzustellen, leider ist mein Schlittenhund nicht ein Paradebeispiel, was die Zugkraft angeht. Wir sehen aber trotzdem zum Beispiel im eingerahmten Kurvenbereichen, daß die unterste Linie, die Zugkraft konstant bleibt, die mittlere Linie, die Geschwindigkeit währendem aber abnimmt und die Herzfrequenz (oberste Linie) entsprechend der Zugkraft jedoch vorerst auf gleicher Höhe bleibt.

Zusammenfassung:
   • Die Herzfrequenz wird von verschiedensten Faktoren beeinflußt.
   • Es besteht eine Beziehung zwischen Geschwindigkeit, Zugkraft und Herzfrequenz.
   • Trainingsbedingte Anpassung der Herzfrequenz zeigt sich in einer tieferen Ruhe- und       Leistungsherzfrequenzen. (Nachfolgende Grafik verdeutlicht dies anschaulich.)

Text: Rainer Vogt

Abb-3: Herzfrequenz (HF), Geschwindigkeit (V) und Zugkraft (Z), gemessen bei einem Schlittenhund während des Velotrainings.

Im ersten Teil haben wir uns mit der Herzfrequenz des Hundes während der Leistung befaßt. Im Folgenden möchte ich nun weitere interessante Besonderheiten betreffend der Hundeherzfrequenz darlegen, die mich auch immer wieder erstaunen.

Der Hund hat eine stark ausgeprägte atmungsbedingte Schwankung der Herzfrequenz während des Schlafes.

Abb-2: Herzfrequenz des Hundes während des Schlafes (Ausschnitt), auffallend ist die ausgeprägte atmungsbedingte Schwankung der Frequenz.

Die Abb. 2 zeigt einen Auschnitt einer Herzfrequenzmessung während des Schlafes eines Hundes. Auffallend ist die rhythmische Schwankung der Herzfrequenz. Diese kommt dadurch zustande, daß die Dehnung der Lunge während des Einatmens zu einer Hemmung der Nervenleitung führt, welche die Herzfrequenz herabsetzt. Die Wirkung dieses Hemmers fällt deshalb für einen Moment aus, was bewirkt, daß das Herz kurz schneller schlägt. Dieses gleiche Phänomen kann man auch bei sich selber feststellen. Bei jungen Leuten ist es ausgeprägter als bei älteren Personen. Beim Hund tritt während diesen Schwankungen die Herzfrequenz kurzfristig bis unter 20 Schläge pro Minute, im Durchschnitt schwankte sie aber bei dieser gemessenen Mischlingshündin zwischen 40 und 100 Schlägen pro Minute.

Es ist wahrscheinlich jedem schon einmal so ergangen, wenn man auf jemanden speziellen gewartet hat, das Herz rasend zu pochen begann, als diese Person plötzlich auftauchte. Wenn wir unsere Hunde anschauen, mit welcher Freude sie uns jeweils begrüßen, dann kann man sich gut vorstellen, daß auch ihre Herzen vor Freude „springen” müssen. Die Abb. 1 zeigt eine solche Gegebenheit, die Hündin schlief noch, als ich mich mit einem Leckerbissen in der Hand zu ihr annäherte. Kaum hatte sie mich entdeckt, sprang sie auf und die Herzfrequenz stieg innerhalb von 10 Sekunden von 75 auf 200 Schläge pro Minute. In anderen Experimenten konnte ich auch feststellen, daß nur das bekannte Geräusch der Hundeleine die Herzfrequenz aus der Ruhefrequenz von 70 auf 140 Schlägen pro Minute ansteigen ließ, das gleiche auch beim Hervornehmen des Hundefuttersackes. Der Grund dafür ist auf der einen Seite sicher psychologisch und auf der anderen Seite ist ein „Steuerprogramm” des Gehirns dafür verantwortlich: Es heizt gleich vorsorglich das System auf, bevor eine Arbeit in Angriff genommen wird. Das Gleiche geschieht bei uns Menschen, denn nur schon der bloße Gedanke an eine bevorstehende Anstrengung, löst einen Herzfrequenzanstieg aus.
In der Zwischenzeit sind Sie sicher schon ganz gespannt, was für eine Herzfrequenz denn nun Ihr Hund hat.

Die Herzfrequenz in Ruhe beim Hund zu messen, ist nicht sehr schwierig: Mit etwas Übung und Kooperation ihres Hundes gelingt dies ganz gut.
Am besten sie beginnen mit dem Üben am Abend, wenn sich ihr Hund schon etwas ausgetobt hat, legen ihn auf den Rücken und suchen an der Innenseite der Hinterschenkel zwischen den beiden kräftigen inneren Oberschenkelmuskeln im sogenannten Schenkelspalt den Puls. Hier liegt die starke Femoralis-Arterie, die das Hinterbein mit Blut versorgt. Wenn sie sich einmal orientiert haben, wo diese liegt, können Sie den Puls sehr gut beim stehenden Tier messen. Achten Sie darauf, daß Sie die Finger möglichst flach auf die Arterie halten und nicht zu stark drücken, weil letzteres eher unangenehm für den Hund ist. Beim Pulsfühlen, zählt der Tierarzt nicht nur die Frequenz, sondern er achtet auch auf Rhythmus, Regelmäßigkeit, Amplitude (das ist die Ausschlagsstärke), Spannung (diese hängt vom Blutdruck ab), und Steilheit (Form). Diese Beurteilung des Pulses erfordert viel Erfahrung, größere Abnormitäten wie Herzklappenfehler können aber damit entdeckt werden.
Dieser kleine Einblick in das Verhalten der Herzfrequenz beim Hund zeigt, daß der Hund uns nicht nur durch seine ungeheure Leistungsfähigkeit in Staunen versetzen kann, sondern daß hinter ihm auch eine hochinteressante Maschinerie steckt, deren Kapazität sehr beeindruckend ist. Ich hoffe, daß in Zukunft noch viel mehr über diesen besonderen Athleten herausgefunden wird, und daß die Erkenntnisse in den Hundesport in Form einer sportmedizinischen Betreuung hineinfließen. Weiter sollte die Umset-zung neuer Erkenntnisse aus der Leistungsphysiologie und Trainingslehre in den Aufbau unserer Sportathleten eingebracht werden. Ich hoffe in einem späteren Artikel darüber mehr schreiben zu können.

Text: Rainer Vogt